ISG-Syndrom: Wenn der Schmerz aus dem Iliosakralgelenk kommt - Orthopaeden Wiesloch
12 Okt. 2026

ISG-Syndrom: Wenn der Schmerz aus dem Iliosakralgelenk kommt

Ein tiefsitzender Schmerz im unteren Rücken, meist einseitig, oft knapp neben dem Kreuzbein – und beim Aufstehen aus dem Sitzen am schlimmsten. Viele Patienten kommen mit dem Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall zu mir und sind überrascht, wenn die Untersuchung auf das Iliosakralgelenk zeigt. In meiner Praxis in Wiesloch nehme ich mir die Zeit für eine ausführliche Befunderhebung, bevor ich über Therapie spreche – gerade beim ISG lohnt sich das, weil die Beschwerden so leicht mit anderen Ursachen verwechselt werden.

Was ist das Iliosakralgelenk?

Das Iliosakralgelenk – kurz ISG, auch Kreuzbein-Darmbein-Gelenk – verbindet das Kreuzbein mit den beiden Beckenschaufeln. Es ist ein straffes Gelenk mit sehr geringer Beweglichkeit, das von kräftigen Bändern zusammengehalten wird. Seine Aufgabe ist die Übertragung der Last vom Rumpf auf die Beine. Weil es kaum Spielraum hat, reagiert es empfindlich auf asymmetrische Belastung: einseitiges Tragen, langes Stehen auf einem Bein, Beinlängenunterschiede, Schwangerschaft oder eine Fehlbelastung nach einer Hüft- oder Knieverletzung.

Typische Beschwerden beim ISG-Syndrom

Einseitiger, tiefer Kreuzschmerz: Der Schmerzpunkt liegt meist wenige Zentimeter neben der Mitte, oft zeigen Patienten direkt auf das Grübchen über dem Gesäß.

Ausstrahlung ins Gesäß und in den Oberschenkel: Die Ausstrahlung endet in der Regel oberhalb des Knies. Zieht der Schmerz bis in den Fuß oder gibt es Taubheitsgefühle, muss ich an die Nervenwurzel denken.

Schmerz beim Aufstehen und Positionswechsel: Das Aufstehen aus dem Auto oder vom Sofa ist typisch, ebenso das Umdrehen im Bett.

Belastung auf einem Bein ist unangenehm: Treppensteigen, Socken im Stehen anziehen, langes Stehen.

Wie ich untersuche

Es gibt keinen einzelnen Test, der das ISG-Syndrom beweist. Deshalb kombiniere ich mehrere Provokationstests – unter anderem den Druck auf das Becken von der Seite, den Vorlauf-Test und Tests, bei denen das Gelenk gezielt unter Spannung gesetzt wird. Fallen mehrere Tests positiv aus und passt die Schmerzlokalisation, ist die Diagnose sehr wahrscheinlich.

Genauso wichtig ist, was ich ausschließe: eine Nervenwurzelreizung, eine Hüftarthrose, die in die Leiste und ins Gesäß ausstrahlt, oder eine Reizung des Schleimbeutels am großen Rollhügel. Letztere beschreibe ich ausführlich in meinem Beitrag zu Hüftschmerzen außen. Bildgebung setze ich zurückhaltend ein: Ein Röntgenbild oder MRT ordne ich an, wenn Warnzeichen bestehen, wenn die Beschwerden einseitig über Wochen bleiben oder wenn eine entzündliche Erkrankung in Frage kommt.

Warnzeichen, bei denen Sie nicht abwarten sollten

  • Kraftverlust im Bein oder Taubheit im Reithosenbereich
  • Probleme beim Wasserlassen oder Stuhlgang
  • Nächtlicher Ruheschmerz, Fieber, ungewollter Gewichtsverlust
  • Schmerzen nach einem Sturz oder Unfall
  • Morgensteifigkeit über 30 Minuten bei jungen Patienten – das kann auf eine entzündliche Erkrankung des ISG hinweisen

Was ich beim ISG-Syndrom empfehle

Beweglichkeit und Entlastung in der akuten Phase

In den ersten Tagen hilft Wärme, Bewegung in schmerzfreien Bereichen und das Vermeiden einseitiger Belastung. Bettruhe ist der falsche Weg – sie verlängert die Beschwerden eher.

Gezielte Mobilisation

Zwei Übungen gebe ich fast jedem Patienten mit:

Knie zur Brust im Liegen: Ein Bein anwinkeln, das andere gestreckt lassen, 20 bis 30 Sekunden halten. 3 Wiederholungen pro Seite.

Beckenkippen im Liegen: Flach auf dem Rücken, Knie angestellt, das Becken abwechselnd nach vorn und hinten kippen. 2 Sätze à 15 Wiederholungen.

Muskelaufbau mit medizinischem Training

Entscheidend für die Stabilität ist die Muskulatur rund um Becken und Rumpf. Ich empfehle zwei- bis dreimal pro Woche:

Brücke (Beckenheben): Im Liegen das Becken anheben, kurz halten. 3 Sätze à 12 Wiederholungen.

Seitliches Beinheben in Seitenlage: Kräftigt den Gluteus medius, der das Becken beim Gehen stabilisiert. 3 Sätze à 15 Wiederholungen pro Seite.

Unterarmstütz: 3 Sätze à 20 bis 40 Sekunden.

Wann ich eine Injektion bespreche

Wenn die Schmerzen so stark sind, dass Training nicht möglich ist, kann eine gezielte Injektion ans Gelenk das Zeitfenster öffnen, in dem das Training überhaupt wirken kann. Ich entscheide anhand von Befund und bisherigem Verlauf, ob das sinnvoll ist, und setze solche Injektionen zurückhaltend ein.

Wie lange dauert ein ISG-Syndrom?

Bei einer akuten Reizung bessern sich die Beschwerden häufig innerhalb von zwei bis vier Wochen. Bestehen die Schmerzen länger, liegt meist eine muskuläre Schwäche oder eine dauerhafte Fehlbelastung dahinter – dann dauert es entsprechend länger, und die Übungen sollten dauerhaft im Alltag bleiben.

Häufige Fragen zum ISG-Syndrom

Kann man eine ISG-Blockade selbst lösen?

Die beschriebenen Mobilisationsübungen können die Beschwerden deutlich lindern. Von ruckartigen Selbstmanipulationen aus Videos rate ich ab – das Gelenk ist straff gesichert, grobe Impulse reizen eher zusätzlich.

Ist ein ISG-Syndrom dasselbe wie Ischias?

Nein. Beim ISG-Syndrom kommt der Schmerz aus dem Gelenk und strahlt selten unter das Knie. Beim Ischias ist eine Nervenwurzel gereizt, der Schmerz zieht typischerweise bis in Unterschenkel oder Fuß, oft mit Kribbeln.

Welche Schlafposition ist günstig?

Seitenlage mit einem Kissen zwischen den Knien entlastet das Becken. In Rückenlage hilft ein Kissen unter den Knien.

Welcher Arzt ist zuständig?

Der Orthopäde, weil er Becken, Hüfte und Wirbelsäule gemeinsam beurteilen kann. Bei neurologischen Ausfällen beziehe ich einen Neurologen mit ein.

Vereinbaren Sie jetzt einen Termin in meiner Praxis in Wiesloch – ich freue mich darauf, Sie kennenzulernen.